Von reisenden Völkern und gastlichen Dörfern im Lipperland (Mai 2017)

Wiedermal ist eine eindrucksvolle Radtour zu Ende gegangen. Im Wonnemonat Mai 2017 ging es durch das Lipperland. Ich probiere, die Eindrücke digital  „zu Papier“ zu bringen. Mir ist klar, dass dieses eine Wortschöpfung ist, die von der Wortwahl her rot angemarkert werden müsste. Wer kennt noch die Funktion und die Bedeutung des Tagebuchschreibens? Heute geschieht das anders. Die modernen Kommunikationsmittel ermöglichen es.  Smartphone, Tablet und CO. ersetzen mittlerweile selbst den Home-PC, und dessen Lebensdauer ist doch auch gar nicht so alt in der Gesamtgeschichte der Kommunikation. Aber noch nie ist so viel Papier verbraucht worden seit dessen Erfindung. Wenn man die Kommunikationsmedien in der Geschichte der Menschheit auf einer Uhr darstellen würde, so passiert ganz lange Zeit nichts an neuen Erfindungen, aber die letzten zwei Minuten haben es in sich. Wir haben diese Entwicklung im Nixdorfmuseum in Paderborn bei einer eindrucksvollen Führung erfahren.

Aber auf die Inhalte und auf die Art und Weise, wie man kommuniziert, kommt es ja auch an!

Das britische Militär in der Senne wird wohl das Gebiet in nächster Zeit räumen. Was geschieht danach? Verschiedene Szenarien gibt es zur Nachnutzung: Naturpark, weitere militärische Nutzung, neue Wirtschaftsansiedlungen, Tourismuskonzepte. Aber selbst innerhalb der einzelnen engagierten Fraktionen gibt es Dissensen. Darf man sich für einen Nationalpark einsetzen in der 99-prozentigen Gewissheit, dass es jede Menge giftige Stoffe in der Senne gibt, u.a. gelagertes Senfgas in einem Areal, das selbst das Militär nicht mehr betreten darf? Warum werden solche Schadstoffansammlungen nicht öffentlich dokumentiert? Wie wird mit zukünftigen Generationen verantwortungsvoll kommuniziert im Sinne von: „Wir teilen euch mit, hier haben wir „Schiete“ gemacht, hier lagern Altlasten!“ Einfach Gras über die Sache wachsen lassen?

Geradezu unverschämt und peinlich ein Kampfdorf nördlich von Hövelhof. Hier wurde geübt für den Einsatz im Irakkrieg. Ein graues Dorf, aber farblich auffällig markiert im Mittelpunkt eine Moschee! Wie förderlich ist so eine Zeichen- und Signalsetzung? Üben für das Töten heißt hier immer noch die Direktive.

Müssen nicht noch ganz andere Art und Weisen entwickelt werden jenseits von Militär, Verteidigungs- und Angriffsdenken im Sinne von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung?

Ehrenamtlich tätige von der Initiative „Freie Senne“ und von „Pax Christi“ haben uns bei diesem Tourenabschnitt inhaltlich engagiert begleitet. Danke dafür!

Interreligiös hat sich das Bibeldorf in Rietberg aufgestellt.

Hier wird nicht missioniert sondern erklärt! Alltagsleben, zum Beispiel von Beduinen wird nahe gebracht. „Gib uns unser täglich Brot“, so beten Christen das Vaterunser. Dahinter steckt, dass die Beduinen aufgrund der eigenen Lebensverhältnisse das Korn nicht auf Vorrat mahlen konnten. Wüstensturm und klimatische Unbilden hätten das täglich Brot sofort verdorben.

Wisst ihr, was ein Tel ist?

Nein, das Telefon ist in diesem Fall nicht gemeint.

Ein Tel ist ein Hügel, der sich im Laufe der Menschheit aufgestaut hat. Menschen haben sich angesiedelt, weil hier eine Lebensgrundlage da war. Wenn die nicht mehr gegeben war, sind sie weggezogen. Später haben hier nachfolgende Generationen als Vision neues Glück erhofft. Sie haben auf den alten Grundmauern neue Wohnstätten erbaut und Leben und Kultur entwickelt. So ging es über Jahrtausende hinweg.

Auch in muslimisch geprägten Ländern gibt es Christen. Die sprechen aber nicht Deutsch. Wenn sie Gott meinen, dann sagen sie in ihrer Sprache „Allah“.Wie angstbesetzt ist bei uns Deutschen aufgrund von Weltgeschehnissen aber dieser Ausdruck? Er wird immer gleich mit muslimischen Terroristen in Verbindung gebracht. Wer von uns kann dafür, dass er zu dieser Zeit in seiner Region und in seinem Umfeld geboren wurde? Hätte auch woanders sein können!

Unsere inhaltliche Begleiterin, Frau Fricke, hat am Beispiel ihres Projekts eindrucksvoll aufgezeigt, wie interreligiöse Wege für Jung und Alt alltagstauglich möglich sind.

 

Wie lebendig könnten biblische Aussagen und Alltag in der gemeinsamen Welt kommuniziert werden, anstatt religiöse Phrasen zu dreschen und Gesetzmäßigkeiten einzufordern!

Wir müssen nicht, aber wir alle sind eingeladen, für uns zu sorgen, damit wir Lebensfreude haben.

 

Ich bin immer noch beim Kommunikationsthema,

Erstaunlich, dass viele Partnerschaften derzeit über das Internet laufen. „Ich parship gerade mal!“

Keine hundert Jahre ist es her, dass im Paderborner Land (auch ein Zeichen der Kommunikation) bestimmte Kleidung Pflicht war und dazu diente, eindeutige Signale zu senden. Aus reicheren Kreisen wurde bei den Damen durch die Kleidung gleich signalisiert, dass interessierte Knechte doch bitte ihr Begehren gleich aufgeben mögen.

Kirche hat auch hier gesagt, dass ein Jahr Trauer (schwarze Kleidung) Pflicht ist bei dem Versterben eines nahen Angehörigen. Bei den großen Familien damals sind Frauen aus der schwarzen Kluft gar nicht mehr herausgekommen.

Sobald sie verheiratet waren, durften sie kein anderes männliches Wesen mehr angucken. Für das Kindergebären waren sie zuständig, starben oft im Kindbett.

Dann trat der Pfarrer in Aktion und vermittelte eine unverheiratete Frau an den verwitweten Bauern samt Restfamilie.

So wurde es uns bei einer Führung erzählt im Heimathof in Hövelhof, einem Anwesen, das akribisch von Einheimischen gepflegt wird. Hier wird auch noch platt gekürt.

 

Last not Least ein alltagstaugliches Beispiel für Lebensverwirklichung:

Herr Antpöhler aus Delbrück hat ein wahrhaft gastliches Dorf entstehen lassen. Alte leerstehende Fachwerkhäuser hat er in der gesamten Region erkundet, eine Auswahl getroffen, restauriert und am Boker Kanal neu aufbauen lassen. Ein Backhaus, in dem regelmäßig Brot gebacken wird, ein Vierständerhaus für Tagungen, ein Radfahrerhotel, eine Restauration, ein westfälischer Bauerngarten sind Bestandteile dieses gastlichen Dorfes. Kernstück ist die Kapelle. Leider darf sie für Trauungen nicht genutzt werden. Der Bischof aus Paderborn weigert sich.

Herr Antpöhler gibt aber nicht auf. Bei der ganzen Prozedur der Umsetzung seines Gastlichen Dorfes war unzählige Kommunikation mit amtlichen Stellen erforderlich. Es hat geklappt und beim Bischof gibt er auch nicht auf.

   

In der Kapelle hängt ein zersplitterter Spiegel, ein Zeichen für die Zersplitterung des Christentums. Antpöhlers Herzenswunsch ist es, dass diese Zersplitterung ein Ende findet. Da ist wohl jede Menge Kommunikation notwendig. Aber einen Trost gibt es: „Nicht kommunizieren geht nicht!“ Signale werden immer gesendet und empfangen. Sie richtig zu verstehen und nicht fehl zu deuten ist eine Daueraufgabe. Auf das Wie kommt es an, egal ob mit konservativen Mitteln oder mit neuen Medien, damit Individualinteressen ihren Platz haben und gleichzeitig Gemeinwohl entsteht, ganz im Sinne des Konziliaren Prozesses zur Bewahrung und Förderung von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

 

Rad gefahren sind wir auch. Die Stimmung war prächtig, die Gruppe war sehr homogen, die Teilnehmenden haben sich unterstützt, das Wetter hat mitgespielt und die Unterkunft, der Gasthof Appel-Krug in Delbrück ist nur zu empfehlen. Das Lipperland ist ein „Fahrradies“. Unzählige gepflegte Radwegvarianten stehen zur Verfügung. Idyllische Landschaft lädt ein, die Seele baumeln zu lassen. Freundliche Menschen empfangen die Radfahrer und sind gerne bereit, ihnen zu erzählen, was sie an ihrer Heimat schätzen und was sie bewegt. Ein starkes Stück NRW!

Ihr alle seid eingeladen zu kommentieren. Die Fotos sind dankenswerterweise von Manfred Jakob und Wolfram Grahlmann zur Verfügung gestellt worden.

 

 


2 Kommentare

  1. 1. Wolfram Grahlmann

    Kommentar vom 9. Mai 2017 um 19:26

    Hallo Karl-Heinz!
    Ein eindrucksvoller Bericht, den Du verfasst hast.
    Eine ganz tolle Truppe, die wir waren, so meine Meinung. Du hast eine super Radtour auf die Beine gestellt mit hervorragendem Programm. Mit Menschen aus der Region, die über, von und aus ihrer Region erzählen konnten. Ich habe viel mitgenommen, viel Neues bis jetzt mir Unbekanntes erfahren und ich habe mich bei Euch sehr wohl gefühlt. Diese Radtour hat mir sehr gut getan, und es war mit Sicherheit nicht die letzte.
    Vielen herzlichen Dank an Karl-Heinz und die
    gesamte Delbrück-Truppe, die mich ein Stück weit getragen hat!!!!!!!
    Wolfram Grahlmann

  2. 2. Ute Stadtfeld

    Kommentar vom 10. Mai 2017 um 16:25

    Hallo Karl-Heinz.

    Auch ich möchte mich bedanken, dass wir bei dieser tollen Tour mitradeln durften und kann mich nur den Ausführungen von Wolfram anschliessen.
    Ich bzw. wir freuen uns schon auf eine Fahrt im nächsten Jahr.

    Viele Grüße an den hervorragenden Scout und die netten Mitradler, die uns so herzlich in ihrer Mitte aufgenommen haben.

    Ute und Norbert

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