Kleinode am Wegesrand in Dortmund und Umgebung

Kleinode am Wegesrand, blumeso hieß das Motto am 2. Mai 2015. Start und Ziel war der Parkplatz am Dortmunder Tierpark. Was wir alles in diesen Tagen verpasst haben: Das erste Maiwochenende lädt traditionell zu einer Vielfalt an Veranstaltungen ein. So haben wir die Sonderausstellung in der Zeche Zollern verpasst zur Arbeiterbewegung, eine Austellung in der DASA zum Wandel von Berufen, verpasst haben wir den Bundesligaspieltag, egal ob Schalke oder BVB; ein Kräuterfest gab es im Rombergpark, das Jugenddorf in Oespel hatte Tag der offenen Tür, der Dortmunder Snookerclub in Dorstfeld auch. Erfahren und gespürt haben wir sehr viel Grün im Dortmunder Südwesten. Zechen, Zechenrelikte und Siedlungen zeugen vom Strukturwandel. Der Dorney, ein Naturschutzgebiet in Oespel, zeigte sich duft-und blütenmäßig in seiner ganzen Bärlauchpracht. Ein Kleinod ist nach wie vor der Lütgendortmunder Wochenmarkt, der mit leckerer kesselfrischer Fleischwurst lockte. Weniger prickelnd waren hier auf dem Marktplatz anwesende russische Mitbürger, die wodkatrunken Frauen angrabschten. Hört sich alles so gut an: „Seid willkommen, Ihr fremden Menschen!“ Aber es gibt Regeln! Wie lauten sie, und wie können sie miteinander vereinbart werden? Welch ein ganz anderes Bild von Buntheit gab es am Dortmunder Nordmarkt, der ja durch unglückliche Begebenheiten und negativer Presseberichterstattung sehr in Verruf geraten ist. Etwa 70 wohl türkischstämmige Mädchen hatten sich hier versammelt, sangen, tanzten zusammen und spielten Ball. Wenn bei uns Deutschen so etwas noch geschieht, dann wohl allenfalls organisiert. Hier geschah es spontan, fröhlich und mit Spaß am gemeinsamen Tun. So gesehen ist auch die Nordstadt ein Kleinod mit einem besonderen Flair. blumeGanz nebenbei sind wir durch Ortsteile gekommen, die selbst vielen Dortmundern kaum bekannt sind; genannt seien: Salingen, Großholthausen, Holte oder Somborn. Erwähnenswert ist die Emscherrenaturierung nebst ihrer Zuflüsse. Aus ehemals Köttelbecken wurden und werden naturnahe Auenlandschaften mit begleitenden Radwegen, so z.B. am Deininghausenerbach an der Stadtgrenze zu Castrop-Rauxel. Kleines Schmankerl am Rande: hier erwarteten uns Andrea und Klaus, die in der Nähe wohnen und diesmal nicht mitradeln konnten, mit einem aufwärmenden leckeren Kräuterlikör. Danke Euch beiden für diese gute Idee! In direkter Nähe soll ein neues Kleinod städteübergreifend entstehen. Das Knepperkraftwerk ist stillgelegt und soll rückgebaut werden. Die Planungen für eine Neunutzung laufen. Ein Riesenkonversionsprojekt steht wiedermal an, Zeichen für den steten Strukturwandel im Ruhrgebiet.blume

Strukturwandel ist auch in Henrichenburg spürbar. Die beiden Hebewerke sind Zeitzeugen vergangener Zeiten. Die Bedeutung als Kanalknotenpunkt bleibt. Schubverbände haben jedoch weitgehend die alten Motorschiffe abgelöst. Wir sind zu Gast in der Schiffergemeinde in der Friedenskirche, und wir werden herzlich empfangen und bewirtet. Uns wird erzählt von der Geschichte der kleinen Kirche, die ein noch größeres Kleinod sein könnte, wenn nicht in den 60-er Jahren bauliches Schindluder getrieben worden wäre. Eine Binnenschifferfrau erzählt uns von den großen und kleinen Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, wenn man mit dem Schiff unterwegs ist, für den Lebensunterhalt für sich und Matrosen sorgen muss. Familienleben soll ja auch stattfinden und wenn die Kinder schulfrei haben, z.B. am Wochenende und das Schiff sich gerade in Rotterdam befindet, wie kann dann die Familie zusammen kommen? An solchen Stellen hilft dann oft der Seelsorger für die Binnenschifffahrt weiter. Horst Borrieß ist einer von insgesamt sieben in ganz Deutschland. Den nächsten Kollegen gibt es in Minden., entsprechend groß ist sein Einzugsbereich. Mit einem eigenen Boot ist er unterwegs und besucht die Menschen auf ihren Schiffen. Er hilft unbürokratisch und die Schiffer sind ihm dankbar. „Wir sind viel unterwegs, aber die Friedenskirche ist unsere Heimat. Hier treffen wir uns am Heiligabend. Wir sitzen zusammen, egal, ob evangelisch oder katholisch, egal ob jung oder alt, egal, ob Schiffseigner oder Matrose. Wir feiern von nachmittags bis kurz vor Mitternacht in unserer kleinen Heimat“,  so sagt die Schifferfrau. „Wenn ich Hilfe benötige, so wende ich mich an ihn! Kein Gemeindeortspfarrer kennt unseren Lebensalltag!“blume

Horst Borrieß wird bald in den Ruhestand gehen. Wie es mit der Schifferseelsorge weitergehen wird, das ist derzeit ungeklärt.

Der Kanal Richtung Dortmund ist schiff-frei. Seitdem Hoesch platt ist, haben die Güterbewegungen stark nachgelassen. Dennoch meldet der Dortmunder Hafen Expansionszahlen. Wie errechnen sich diese Zahlen? Aber als Freizeitzentrum wird der Kanal genutzt. Modellboote kreuzen auf dem Wasser und die Ruderer trainieren fleißig für Olympia. Die Seenotrettung wirbt mit einer Festwiese und einem Begleitprogramm für die eigenen wohltätigen Zwecke. Spargelfelder, Rapsfelder und ganz viel Grün begleiten uns am Kanal entlang Richtung Kemminghausen. blumeHier verlassen wir den Wasserlauf und radeln durch alte Zechensiedlungen Richtung Eving. Die Neue Mitte ist nicht mehr wiederzuerkennen gegenüber der alten Zeche Minister Stein. Auch hier sind etwa 50 Mio. in die Umstrukturierung geflossen. Wir gönnen uns diverse Schleifen durch die Dortmunder Nordstadt, staunen über Multikulti, den Borsigplatz, den Jürgen Klopp ja noch einmal gerne im LKW umrunden möchte. Wir landen im Hoeschpark, einst Radrennbahn und auch Trainingsgelände für den BVB, heute Heimat von diversen Randsportarten, wie z.B. Baseball. Andreas Jache, in Baseballkreisen „AJay“ genannt, erklärt uns die Regeln, erläutert, wie alles angefangen hat, welche Jugendprojekte laufen, und wie sich diese Sportart gegenüber dem großen Bruder Fußball behaupten kann. Bald wird auch American Football hier im ehrwürdigen Park beheimatet sein, der zum Zentrum für amerikanische Sportarten auserkoren ist. Gelder scheinen auch zur Verfügung zu stehen. Von einer Mio. ist die Rede, als Dank für die Giants, dass sie ihre angestammte Spielstätte in Eving räumen, die ihrerseits wieder neuen Bestimmungen zugänglich werden soll. Eine alte Werksbahntrasse führt uns über Hörde zurück zum Ausgangsort unserer Tour. Eine Rast im Garten 06, einem der ältesten Schrebergärten in Dortmund bei „Willi seine Freundin“ (Willi, unser Bullifahrer bei der Sommerhaupttour) wird bei strahlendem Sonnenschein gerne in Kauf genommen, bevor die letzten 4 km anstehen. Das entstehende neue Hörde wirkt mit seiner Szenerie, Phönix-West lässt Erwartungen aufkommen an den sonntäglichen Tatort, der am Folgetag ausgestrahlt werden soll und der an dieser Stelle gedreht wurde. „Fix und alle“, aber glücklich und voller neuer Eindrücke sind wir am Tierpark angekommen. Die Route war anspruchsvoll, so mancher Höhenmeter musste bewältigt werden. Dafür haben wir ein starkes Stück Ruhrgebiet kennenlernen dürfen.blume


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