Was ist dran am mia san mia? Preußen trifft auf Bayern

Vierzehn Preußen und ein Oberpfälzer als sprachlicher Vermittler hatten sich aufgemacht im September 2015, um per Radexpedition dieses Phänomen zu erkunden. Von Hohenpeißenberg ging es entlang Ammer, Amper, Isar, Donau bis nach Passau. Etwa 350 km betrug die Strecke, die ohne große Steigung bewältigt wurde. Stattdessen störten vielfach grobe Schotterwege bis zur Kieselgröße des Radlers Wohlbefinden. Das wurde weggesteckt angesichts der beeindruckenden Landschaft und der Kleinode am Wegesrand.

P1000557 P1000558 P1000563P1000625 P1000616 P1000611 Das Wetter spielte bis auf 1 Stunde Regen am zweiten Tag die ganze Woche über mit. Wir hatten gute Hotels und gastfreundliche Hoteliers. Diverse bayrische Biergärten lockten. Leider waren sie auch oft geschlossen. Das Kneipensterben existiert nicht nur im Ruhrgebiet. Wenn sie geöffnet hatten, dann gab es immer eine leckere Brotzeit und auch die abendlichen Mahlzeiten waren überaus schmackhaft und reichhaltig. Nicht nur die Kneipen sterben sondern auch die Brauhäuser in den kleinen und größeren Orten. Viele von ihnen mussten schließen oder wurden von größeren Konzernen geschluckt und wegrationalisiert, wie wir bei einer eindrucksvollen Führung ohne Brauereiverkostung in Fürstenfeldbruck erfahren mussten. Adel, Klerus, Religiosität, Macht- und Ränkespiele waren an unterschiedlichen Orten Thema. Die Führung in der KZ-Gedenkstätte Dachau hinterließ Eindruck. Umweltschutz und Renaturierung hatten an der Isarmündung ihren Platz.Die Bedeutung der Handelswege in Vergangenheit und Gegenwart wurde uns erklärt. Wir wurden immer sehr freundlich und kompetent begleitet. Wirtschaftlichen Fragen haben wir uns gestellt und nachgehakt, warum verschiedene Städte und Landkreise schuldenfrei sind.

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Das Land hat seit Jahrzehnten eine politische stabile Mehrheit. Hiermit können Entscheidungen getroffen und Bundesangelegenheiten maßgeblich beeinflusst werden. Die CSU schätzt man, will sich jedoch nicht von ihr abhängig machen. Im Nahbereich werden deshalb oft Vertreter von Bürgerlisten gewählt. Franz-Joseph Strauß wird auch in jüngeren Generationen immer noch verehrt und hat Vorbildstatus. Er gilt als derjenige, der Bayern aus einem eher landwirtschaftlich orientierten Dornröschenschlaf geholt hat und durch infrastrukturelle Maßnahmen und durch Ansiedlung und Konzentration der Autobobilindustrie im Freistaat, Bayern zu einem starken Stück Deutschlands gemacht hat. Dies hat Selbstbewusstsein gegeben, und aus dem Selbstbewusstsein ist neue Stärke gekommen.

Die Landschaft lebt als Speckgürtel der Landeshauptstadt München von Garmisch bis nach Passau. Wenn in München Messe ist oder das Wiesenfest, dann erheben die Beherbergungsbetriebe Aufschläge bis zu 300% auf die Zimmerpreise. Die Energiewirtschaft boomt angesichts der Flusslagen. Automobilwerke sind entstanden und davon profitiert selbst der Bayrische Wald durch Linienwerksverkehr von BMW z.B. Speditionen nutzen die geografische Lage nach Süd- und Osteuropa. Die Alpen liegen in unmittelbarer Nähe und die diversen Seen im Umland, so dass die Region mit dem Mittelpunkt München gute Argumente hat, dass sich Menschen hier ansiedeln. Passau ist Terminal für Flusskreuzfahrer, und diese Angebote werden rege wahrgenommen. Heerscharen von Touristen ergießen sich Tag für Tag in die Stadt und laufen den GästeführerInnen hinterher, die mit einem Nummernschild bewaffnet sind, dieses hochhalten, damit sich ja niemand verläuft. Wir haben uns abseits der Touristenpfade bewegt und sind belohnt worden damit, dass wir Land und Leute im Gespräch und in gemeinsamen Erlebnissen kennengelernt haben.

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Probleme sollen nicht verschwiegen werden: Das Hochwasser vor einigen Jahren in der Region hat Wirkung gezeigt. Intensive Baumaßnahmen finden entlang der Flussläufe statt, um Schutz zu erhöhen. Dafür müssen sogar kleinere Ortschaften fallen. Das Dorf Isarmündung wird bald nicht mehr existieren.

Vor Jahren war die Bewerbung Garmisch-Partenkirchens zu Olympischen Winterspielen geplant. Man plante umfangreiche verkehrsinfrastrukturelle Maßnahmen, um Athleten und Besuchern eine unkomplizierte An- und Abreise zu den Sportstätten zu ermöglichen; so z.B. eine breit ausgebaute Straße im Bereich Hohenpeißenberg. Weil Bayern, wenn sie begeistert sind, auch gleich ihre Vorhaben umsetzen, zwar nach rechts schauend, aber überhaupt nicht nach links, hatte man gleich mit der Umsetzung der Vorhaben begonnen. Die Folge: Durch Volksabstimmung wurde die Bewerbung Garmischs zurückgezogen, seitdem stehen die Straßenbaustellen still. Millionen sind verballert, ein fertiges Teilstück ist für Autos nicht nutzbar. Dafür durften wir Radler das Vergnügen haben, mal ein paar km auf einer autobahnähnlichen Straße zu fahren.

Größtes Problem, der aktuellen Zeit geschuldet, sind die Flüchtlingsströme. Das Land Bayern ist am Rande seiner Aufnahmekapazitäten. In Landshut wurde der Veranstalter der örtlichen Wies`n gebeten, sein Festzelt für Notaufnahmen stehen zu lassen; allein in Passau wurden 700 Schleuser in Untersuchungshaft genommen; 700 Fahrzeuge sind zur Beweissicherung auf Flächen untergebracht, die eigentlich als Parkraum gedacht sind. In manchen kleinen Städtchen leben z.Z. mehr Flüchtlinge als Einheimische.

Die Rückfahrt ins Ruhrgebiet hat geklappt trotz überfüllter Züge mit syrischen Reisenden. Man ist ins Gespräch gekommen und hat voneinander gehört.

Müde, aber voller neuer Eindrücke kam die Gruppe nach langer Reise im Bahnhof Dortmund an, der natürlich abgesperrt war, weil auch hier Flüchtlingssonderzüge aus München erwartet wurden.

 

Ihr seid nun eingeladen, diesen kleinen Bericht durch eigene Kommentare und Bilder zu ergänzen.

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